Himmel, auch: Mein Briefkasten ist kaputt! Das
schöne Stück von Erbtante Rosie, Gott hab sie selig, mit der besonders
praktischen großen Klappe! Was hat die alles geschluckt: die Tageszeitung und
mein Sportmagazin, Werbepost und Rechnungsstapel, Versandhauskataloge und
Gewinnbenachrichtigungen, ach ja, und jahrelang die lustigen Briefe von Hans,
dem Schelm und die herzlichen von Hanna, meiner Brieffreundin von Norderney, die
gern mal ein bisschen norddeutsche Atmosphäre schickte, also Strandsand,
algengrüne Steine und selbstgeernteten Samen aus ihrem Garten in gepolsterten
Umschlägen. Einfach aussäen, mein Lieber. Das ging alles problemlos
rein in meinen prima Briefkasten! Dann kam das Internet, und Hans ging online
und Hannachen, in memoriam, für immer offline, und meine hübsche Klappe fing
über die Jahre wegen Arbeitsmangel ein bisschen zu quietschen und zu rosten an,
aber sie hat weiter klaglos ihre Dienste getan, und jetzt das: unreparabel
rausgebrochen! Wehrlos ausgeliefert roher Gewalt! Die Briefträger sind auch
nicht mehr das, was sie mal waren: Brutal hineingestopft hat der gute Mann
diesen dicken braunen Umschlag, der meiner Klappe den Garaus machte. Was da wohl
drin ist?
Lieber Herr Verleger,
meinen Sie nicht, dass es ein überaus dummes Konzept ist, einen Verlag zu gründen, in dem keine Manuskripte verlegt werden? Das ist ja wie ein Buchladen, in dem es keine Bücher zu kaufen gibt …
Ich erlaube mir die Anmerkung: In so manchem
multimedialen Büchertempel muss man tatsächlich recht lange suchen, um Bücher zu
entdecken … und außerdem: Berti findet mein Konzept genial, er würde es gern
analogmäßig übernehmen, müsste er nicht jeden Monat für seinen Buchladen die
Miete überweisen … aber weiter:
Sehr verehrter, lieber Herr Verleger,
ich möchte Ihnen gleichwohl schreiben, denn ich habe ein Manuskript verfasst, das Sie unweigerlich in Ihren Bann ziehen wird! Egal, welches Verlagsprogramm Sie auch immer haben oder nicht haben: An DIESEM Werk kommen Sie nicht vorbei. Das ist das Buch, auf das die Menschheit seit dem Krieg gewartet hat, und Sie sind auserkoren, es zu veröffentlichen! Ich schicke Ihnen die ersten tausend Seiten (LESEPROBE) der auf vierzehn Teile angelegten Saga gleich mit, und ich bin sicher, die Lektüre wird für Sie ein unvergessliches Erlebnis sein. Das, was ich geschrieben habe, ist ohne Untertreibung supermegawunderbar, sogar Tante Erna ist meiner Meinung und das ist sie sonst nie, und meine Mutti in der Seniorenresidenz, die hat sogar geweint beim Lesen vor Rührung. Sie hat nämlich jetzt eine neue Brille und kann wieder supigut sehen. Trotzdem sollten Sie vielleicht bei der Veröffentlichung erwägen, die Schriftgröße nicht ganz so klein zu machen. Meine beste platonische Freundin, die Almut im Allgäu, mag meine Geschichte übrigens auch. Wie aus dem richtigen Leben gegriffen, sagt sie. Und dass ich das wirklich fertiggekriegt habe! Alle Achtung, das hätte sie mir gar nicht zugetraut. Kann ich mit dem Erscheinen meines Werkes zur diesjährigen Buchmesse in Frankfurt rechnen?
Woher weiß der bitteschön, dass ich einen
Verlag gegründet habe, wo doch nicht mal was davon in der Zeitung stand? Was
soll ich jetzt machen? Na gut. Höflicherweise ein bisschen lesen, immerhin hat
sich da doch jemand jede Menge Arbeit gemacht. Hm. Ich hatte ein Ausreichend in
Deutsch und finde acht Fehler auf der ersten Seite. Auf der zehnten wird immer
noch die Straße beschrieben, auf der die verlorene Tochter nach langen Jahren
sich erinnernd reumütig heimkehrt. Ich fange an, an der Qualität von Muttis
Brille und Tante Ernas Charakter zu zweifeln. Aber ich beruhige mein schlechtes
Gewissen: Ich muss ja nicht weiterlesen, das Werk passt nun mal definitiv nicht
in mein Verlagsprogramm. Ich setz mich also hin, grüble ein bisschen und
schreibe eine, wie ich finde, überaus wohlwollende Absage. Ein Blick zur Uhr:
Das wird eng mit Berti und dem Bier heute Abend.
Werter Herr Autor,
es ehrt mich sehr, dass Sie Ihr wertvolles Buchprojekt meinem bescheidenen Verlagshaus anvertrauen möchten. Ihre Geschichte ist originell erzählt, und bitte verstehen Sie es nicht als Kritik an Inhalt oder Stil, aber Manuskripte passen nun mal überhaupt nicht in unser Verlagsprogramm. Ich bedaure das sehr. Zur Entlastung schicke ich Ihre Unterlagen zurück. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie vielleicht bei einem anderen Verlag mehr Erfolg haben und wünsche Ihnen für Ihre weitere Autorentätigkeit alles Gute.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr VERLEGER.
NACHTRAG:
Ich hab das gleich zusammen mit dem Manuskript
zur Post gebracht. Uff! Päckchen-Porto!! Und später ist mir eingefallen: Wie
gut, dass ich keinen Verleger unter meinen Freunden habe. Der würde mich für den
letzten Satz womöglich köpfen.
(aus den Tagebüchern des Verlegers, Fortsetzung folgt ...)
(c) Thoni Verlag, mit freundlicher Genehmigung
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