Montag, 12. April 2021

Gendergaga, oder: Der Wahnsinn hat leider Methode.

Nervt Sie die Debatte übers Gendern? Ärgern Sie sich, wenn auch Menschen, von denen Sie es nicht gedacht haben, anfangen zu erklären, dass das böse "generische Maskulinum" ja mehr als die Hälfte der Menschheit ausschließe? Dann sind Sie "meine Lieblingsleser" für den ersten Post zur Wiedereröffnung meiner "Schreibstube": 

Liebe Bücherwürmer und Leseratten, 

mehr als fünf Jahre ist es her, seit ich den letzten Beitrag hier veröffentlichte. Irgendwie war die Luft raus damals, und ich hatte das Gefühl, dass Blogs nicht mehr so angesagt waren. Später habe ich auch längere Pausen in meinen anderen Online-Plattformen eingelegt; das ständige Präsentsein fraß einfach zu viel Zeit. Andererseits vermisste ich den Austausch und natürlich die Möglichkeit, in einem Blog einfach mal ein bisschen frei nach Schnauze schreiben zu können. Damals tat ich das sehr oft aus der Perspektive der Autorin und (Neu-)Verlegerin. In der vergangenen Woche habe ich mich - nach langem Weigern - entschlossen, auch auf Instagram ein Profil einzurichten, und by the way habe ich mich an meinen alten Blog erinnert, und wie sehr er mir eigentlich fehlt. Weder Facebook noch Instagram können das ersetzen. Ich stöberte in meinen alten Einträgen und bekam plötzlich Lust, neu zu starten. Ich habe also ein bisschen Staub gewischt und ausgekehrt - und hier bin ich wieder! Allerdings möchte künftig lieber aus der Perspektive des Lesers schreiben; ich selbst bin ja leidenschaftliche Leserin, aber vor allem schreibe ich für Leserinnen und Leser. So viele nette Briefe und - früher gab's das ja mal - Gästebucheinträge habe ich von Ihnen und Euch bekommen! Und so schwer mache ich es Ihnen ... weil ich so eine schreckliche Tante bin, die sich weigert, in Schubladen zu schreiben. 

Doch der Aufhänger für diesen Beitrag heute sind nicht die Schubladen, sondern mein Ärger, dass mir für den Neustart dieses Blogs so ein hübscher Satz einfiel, und dass ich drauf und dran war, ihn zu verwerfen ... Ich habe mich dabei ertappt, dass ich anfange, mir selbst mit der Sprachschere im Hirn herumzuschnipseln. Sie ahnen es, und schließlich steht es in der Überschrift! Ich habe das Gefühl, dass sich "Gendern" ausbreitet wie eine Krake.

Geht nicht!, sagte das Tierchen böse grinsend, als ich mein Motto anschaute: "Posts für meine Lieblingsleser"?! Wer da alles wieder nicht mitgemeint ist, ogottogott! Und dann muss ich ja auch noch eingestehen, dass die Mehrzahl meiner Leser Frauen sind. Den Satz habe ich jetzt mit voller Absicht hingeschrieben, denn er zeigt, wie gaga das alles ist. Wäre "Leser" nur männlich, wäre die Behauptung absurd. Abgesehen davon, dass in Zukunft solcherart Sprache auf dem Index stünde, setzte sich die Genderei durch. Auch andersherum funktioniert es nicht: die meisten meiner Leserinnen sind Frauen. Ja, was denn sonst? Dieser Satz ist, nähme ich Gendern ernst, so unsinnig wie weiße Schimmel und schwarze Rappen. Aber ganz ehrlich: Ich habe nicht mal ein Problem mit dem Gendern an sich - ich mag es nicht, aber wer es mag: bitte schön. Was das Ganze aber so schlimm und gefährlich macht, ist das Diktatorisch-Moralische, das diesem vorgeblich nur der guten Sache dienenden "Instrument für Geschlechtergerechtigkeit" innewohnt. 

Das ist mir gerade am Wochenende wieder so richtig deutlich geworden. Ich habe ein Buch übers Texten gelesen (Daniela Rorig (2020): Texten können. Das neue Handbuch für Marketer, Texter und Redakteure", 3. Auflage, Rheinwerk Verlag, Bonn), ein richtig gutes Buch, wie ich sagen muss. Inhalt, Aufmachung, alles top, und spannend dazu. Ich las also ziemlich begeistert bis Kapitel 7 (Was ist ein guter Schreibstil?) und dann kam der Sturz von der Klippe. Erst beschreibt die Autorin, dass sie noch bis vor ein paar Monaten die Genderei affig fand, und dann: Nein, das werde kein Plädoyer dagegen, denn sie habe ihre Meinung ja inzwischen geändert. Es folgen die üblichen "Argumente" des Nichtmitgemeintseins der vielen Stimmen aus dem Netz. Eben: Aus dem Netz. Gegen alle diese "Argumente" gibt es gute Gegenargumente, vor allem die angeblichen Assoziationsstudien, die "beweisen", dass Frauen mit gewissen Begriffen nicht mitgemeint seien, stehen, was wissenschaftliche Methodik angeht, in der Kritik. Es fiele nicht schwer, Pro und Contra im Netz zusammenzutragen.

Wieder eine, die auf den Kram reinfällt, dachte ich enttäuscht. Wieder so eine, die jetzt MICH nicht mehr mitmeint, und all die vielen, Frauen wie Männer, die Gendersprache ablehnen. Ich habe rein sprachliche Gründe, warum ich diese Verrenkungen und Verbiegungen nicht mag. Aber ich spreche niemandem, der das anders sieht, die moralisch-ethische Integrität ab. Genau das aber tun die Genderbefürworter, genau das tut auch Frau Rorig, wenn sie schreibt, sie habe erkannt: Es ist so, wie die das im Netz sagen. Und dann zieht sie die Schlussfolgerung, dass sie nur durch Befolgen der neuen Regeln jetzt ja alle mitmeine. Ab jetzt gehört sie wieder zu den Guten.  

Finde den Fehler! 

Kurzum: Wer gendern will, soll es tun. Aber gerade von jemandem, der übers gute Texten schreibt, erwarte ich, dass diese Argumentationsfallen erkannt werden. Nur weil irgendjemand (übrigens nach korrektem Genderdeutsch auch nicht mehr zu verwenden) glaubt, nicht mitgemeint zu sein, muss das ja nicht stimmen. Aber je mehr Menschen das als Wahrheit nehmen, ohne diese "Netzstimmen" und deren vorgeblich wissenschaftliche Argumente zu hinterfragen, umso stärker wird der Druck auf jene werden, die sich dem entgegenstellen. Sie haben es eben noch nicht begriffen, sie meinen in ihrer gestrigen verstaubten Sprache eben nicht alle mit - und irgendwann wird das einfach mit Ausrufezeichen geschrieben und zum Fakt erklärt. 

Was ich mir gewünscht hätte, wäre eine objektive Analyse oder, meinetwegen, auch ein subjektives Bekenntnis zum Gendern, weil es Spaß mache, mal was Neues auszuprobieren, oder, mit einem Augenzwinkern: Liebe Leser, habt Ihr's gemerkt? Ich habe in Kapitel 1 angefangen, einfach mal andere Wörter zu benutzen. Also hier jetzt mein Rat in Sachen Gendern ... So was in der Art. Aber nicht, dass sie eingesehen habe, dass Frauen (und Transpersonen etc.) nicht mitgemeint seien. Doch, das sind sie! Und wenn man mal ganz genau ist, dann sind die von der Autorin gewählten "sanften Varianten", z. B. abwechselnd Männer und Frauen zu nennen oder "neutrale Begriffe" (wie ärztliche Empfehlung statt "Ärzte empfehlen") zu nutzen, noch viel weniger dazu geeignet, alle mitzumeinen, Beim ersten Versuch bleiben nur Männer und Frauen, beim zweiten verschwindet der Mensch gleich ganz. Kurzum und als Fazit: Es gibt gute Gründe zu schreiben, wie man schreibt. (Man geht übrigens auch nicht mehr). Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, und wenn dereinst eine breite Mehrheit meint, dass gegendert werden müsse, dann ist das eben so. Dann käme es durch den Dauergebrauch einer Sprachmehrheit, nicht von einer ideologisch beseelten Minderheit, die meint, mich moralisch unter Druck setzen zu dürfen, weil ich meine Posts für  Lieblingsleser (männlich, weiblich, divers, ja, da ist alles drin) schreibe. 

Ich gebe zu: Nach Kapitel 7 hat meine Lust aufs Weiterlesen einen Knacks bekommen. Und ich habe mich ertappt zu zählen, wie oft die Autorin gegen die hehren Genderregeln verstoßen hat. Das Problem ist nämlich, dass sie mit der Akzeptanz der "Moralkeule als Argument" eine Tür mehr geöffnet hat, durch die wir Schreibwerker irgendwann nicht mehr zurückkommen, ohne uns erst mal ellenlang zu rechtfertigen, warum wir NICHT gendern. Und zwar "richtig", und nicht mehr so halbgar wie Frau Rorig. Sowas werden die neuen Sprachhüter, wenn sie sich durchgesetzt haben, nämlich bestenfalls als "Brückenlösung" akzeptieren, um's mal mit einer aktuellen Vokabel zu beschreiben. 

Bis hoffentlich bald!

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Abgesang

Natürlich macht man sich als Autor Gedanken, natürlich will man als Autor für seine Leser schreiben. Manchen Autoren genügt dieses Schreiben nur für den Leser; sie richten sich ganz und gar auf "ihre" Leser ein, sondieren Trends, sortieren sich schon vor dem Schreiben selbst und ihre Geschichten in Genres ein - oder sie werden (vom Verlag, von Agenten und anderen "Büchermachern" und -vermarktern) in passende Schubladen gesteckt. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn man "nur" unterhalten will, und tatsächlich sind damit viele zufrieden: Autoren, weil Serien und nach Schema F schreiben eine relativ sichere Bank sind und das Handwerkliche irgendwann flott von der Hand geht, und/oder weil genau DAS ihre Vorstellung vom Schreiben ist; Verlage, die gern in Schubladen denken, Leser, die ihre Helden lieben und gar nicht schnell genug neues Lesefutter mit alten Zutaten kriegen können, Buchhändler, die sofort wissen, auf welchen Stapel und in welche Regalecke sie das neue Werk einsortieren können, wenn sie es überhaupt ordern. 
 
Ich gebe zu, dass mir das nie genügt hat: Altmodisch mag das klingen, aber ich möchte meinen Lesern "mehr" mitgeben als nur ein Wörterfastfood für den schnellen Hunger zwischendurch. Ich möchte mir erlauben können, hier und da vom Weg ein wenig abzuweichen, auch mal eine schiefe Kurve zu laufen, mit der Sprache zu spielen, Genregrenzen zu missachten, ohne dass ich gleich als "literarisch anspruchsvoll" gelten will oder muss. Gott, ja: Ich gehöre tatsächlich zu dieser sperrigen Spezies von Geschichtenerzählern, die eine Botschaft vermitteln will. Igittigitt, eine Botschaft, und das in den Niederungen der Alltags-bloß-Unterhaltung-mehr-will-ich-nicht-Literatur! Lachen tun sie hier wie da. Die "Unterhalter" herablassend bis sarkastisch: "Wenn Du gelesen werden willst, musst du dich an deine Leser anpassen. Schreiben, was der Markt verlangt." Und was der Markt will und ist, das sagen mir all die klugen Leute, die es ja auch manchmal tatsächlich besser wissen, wenn ich denn die Prämissen anlegte, die sie anlegen. Und die anderen, die hehren Bewahrer und Schützer der Kulturnation? Da klingt das Lachen eher wie der Wind im Wald vor der letzten großen Schlacht im  "Herr der Ringe". Danach Kopfschütteln und dem naiven Schreiberling mal zeigen, was eine Harke ist. Ein Text, den Leser mit Normal-IQ auf Anhieb verstehen, und noch schlimmer, den sie gut und (Igittigitt zum Zweiten!) spannend finden, ist schon aus Prinzip keine Literatur!
 
Da sitze ich nun zwischen meinen beiden Stühlen und gucke irritiert. So war das immer, und ich glaube, es wird sich auch künftig nicht ändern. Was sich gleichwohl geändert hat, sind die Möglichkeiten, die Autoren mittlerweile offenstehen. Seit man das Eigenverlegen in Englisch kommuniziert, nehmen sogar ausgewachsene Verlagsleute und sonstige ernstzunehmende Büchermacher dieses Nogo in den Mund, ohne dabei rot zu werden. Das zaubert jemandem wie mir ein Lächeln ins Gesicht: Habe ich es doch schon in meinem Hauptberuf bei der Kriminalpolizei gelernt, die Farben in der Welt zu sehen und nicht das Schwarzweiß, das gerne darüber gepinselt wird. Wenn es hier und dort Leser gibt, die genau diese "Ecken und Kanten" meiner nicht genrekonformen Bücher entdecken und (positiv) kritisieren - dann ist das für mich ein Geschenk.
 
Heute habe ich wieder eines bekommen. Danke dafür. Ihr seht mich mit einem seligen Lächeln ins neue Jahr entschweben - sobald wir alle gut gerutscht und gelandet sind, geht es selbstverständlich mit der Arbeit weiter. Ich freue mich darauf.

Das Leser-Geschenk ...
Und noch mehr davon bei den "Schneeglöckchenmalern", einer inspirierenden, kreativen und schönen Lese- und Malrunde bei Lovelybooks.
 
 

Freitag, 18. Dezember 2015

Für wie dumm halten Verlage eigentlich Leser?

Eine provozierende Frage, gewiss! In den branchentypischen Medien wird viel über die Zukunft des (gedruckten) Buches, der Verlage, der Buchhändler geschrieben, es wird bis zum Abwinken debattiert über das Für und Wider von Selfpublishing, über dies und das. "Der" Leser kommt in diesen Diskussionen auch vor, gewiss: Als Konsument, der möglichst oft und viel "Buchcontent" kaufen soll. Dass man bei all dem Optimierungswahn in Bezug auf Äußerlichkeiten, Genrekompatibilität und Bestsellermarketing eine womöglich lohnende Zielgruppe außer Acht lässt, die früher das Fundament vieler Verlage bildete, gerät aus dem Fokus. Aber es gibt tatsächlich nach wie vor Leser, die an ihre Lektüre einen gewissen sprachlichen und inhaltlichen Anspruch stellen, auch wenn es "nur" Unterhaltung ist!


Wer ehrlich sondiert, was selbst alteingesessene Verlage alljährlich an schlecht lektorierter Massenware auf den Markt werfen, sollte langsam von dem hohen Ross derer steigen, die den Untergang des Abendlandes nur in dem Fakt sehen, dass digital affine Autoren heute diese Massenware auch ohne Verlag anbieten (können). Statt mit ihren traditionellen Vorzügen zu punkten (professionelles Lektorat und Korrektorat, Entwicklung von Autoren und Stoffen), outsourcen und verschleudern Verlage diese Alleinstellungsmerkmale, indem sie ihre Lektoren zu Contentmanagern degradieren und vielversprechende junge Autoren, die das Pech haben, zu früh einen Bestseller zu landen, Stoff nach immer dem gleichen Muster abverlangen, statt ihnen die Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Und die sogenannten Midlist-Autoren werden erst gar nicht (mehr) ins Kalkül gezogen, wenn es ums Aufstellen von Marketing-Plänen geht. Stattdessen sehen sie sich zunehmend gefordert, selbst aktiv zu werden, um ihre im Verlag teilweise zwangsgemainstreamten Bücher unter die Leute zu bringen.


Wer das nicht glauben mag, dem empfehle ich den Besuch einschlägiger Autorenforen und die Lektüre von Leserrezensionen, deren Verfasser zwar brav den neuesten Band von Autor/in xy gekauft und gelesen haben, aber, sofern sie einen Leseanspruch haben, der über Groschenromanniveau hinaus geht, spätestens bei Fortsetzung Nummer drei des angesagten Autors bemängeln, dass es immer die gleiche Suppe ist, keine Entwicklung stattfindet. Und was diese Leser über die sprachliche Umsetzung des einen oder anderen hochgelobten (Verlags-)Werkes schreiben, sollte professionellen Büchermachern die Schamesröte ins Gesicht treiben. Ebenso wie der Umstand, dass im Satz (auch!) von Verlagsbüchern selbst einfachste Regeln missachtet werden. (Was, bitte, ist noch mal ein Schusterjunge?)


Und angesichts all dessen wundert man sich in der sogenannten etablierten Buchbranche tatsächlich, dass Autoren zunehmend den Weg in die "Selbstständigkeit" gehen und Mainstreamleser ebenso zunehmend die Angebote der (günstigen) "Außerverlagsprodukte" nutzen, frei nach dem Motto: Wenn schon schlecht gesetzt und lektoriert, dann wenigstens zu meinen Konditionen (Autoren) und möglichst billig (Leser)? Was im Übrigen zumindest im ersten Teil häufig ein Vorurteil ist, weil professionelle Autoren und professionelle Lektoren und ebensolche Layouter inzwischen auch ohne Hilfe von (traditionellen) Verlagen zusammenfinden.


Last not least: Leser, die gern mal was anderes lesen möchten, die neugierig sind auf neue Stoffe und Autoren, die Wert auf Sprache legen, vermögen zwar in der Regel keine Megabestseller zu generieren, aber sie sind eine dankbare Zielgruppe, die ihre "Lieblingsbücher" gerne auch über die Halbwertszeit von drei Monaten weiterempfiehlt und sie auch noch Jahre später zu Weihnachten an Gleichgesinnte verschenkt. Diese Leser zu finden und an die eigene Marke zu binden, wäre doch mal eine lohnende Investition.


Zu diesem Eintrag bin ich inspiriert worden durch den Artikel von Porter Anderson, Die Mauer muss weg, im Buchreport-Blog von heute. Das Ehrlichste, was ich seit Langem zum Thema eBook, Digitalisierung und Verlage gelesen habe! Dem Autor hinzuzufügen wäre noch, dass nicht nur die Mauern zwischen Digital und Print, sondern auch die zwischen "Selfpublishing" und "Verlags-Publishing" eingerissen gehören. Wie Porter Anderson sehe ich das Problem nicht in der Art der Publikation, sondern im gebotenen Content und in der Qualität.
 Link zum Artikel


Und das habe ich im Nachhinein dann auch noch entdeckt - passt wie die berühmte Faust aufs Auge: Wie Selfpublishing die Lektoren-Zunft verändert, Verlage und freie Lektoren – passt das (noch) zusammen? - Link -


Dienstag, 2. Juni 2015

Bücher verlegen jenseits der Massenpfade? Du bist ja bekloppt!


Ich glaube, dass es schon immer Autoren gab, die Freude am Layouten hatten, denen es Vergnügen machte, nicht nur eine Geschichte zu schreiben, sondern sie auch nach ihren Vorstellungen zu "verpacken". Sicher, die Mehrheit war das noch nie. Dass sich in Zeiten des "Selfpublishing" langsam die Einsicht durchzusetzen scheint, das eine tun zu können und das andere nicht mehr lassen zu müssen, ist immerhin eine hoffnungsfrohe Entwicklung.

Als ich vor fast drei Jahren den Thoni Verlag gründete, erklärten mich alle für bekloppt. Klar, ich hatte einen ziemlich guten Vertrag bei einem großen Publikumsverlag, die Auflage meiner Romane ging in die Hunderttausende - auf den ersten Blick eine Erfolgsstory. Und das alles wollte ich aufs Spiel setzen? Aber war mein Schreiben eigentlich noch das, was ich mir einst gewünscht hatte als Schriftstellerin: Geschichten zu erzählen, die es mich drängte, zu erzählen? Wollte ich tatsächlich immer die gleiche Suppe anrühren, weil sie den Lesern vorgeblich so gut schmeckte, endlose Diskussionen über Dinge führen, die für mich unverzichtbar, aber für "die" Leser angeblich nicht wichtig waren? Übers Cover, den "richtigen" Titel, über Figuren, die zu kompliziert, zu negativ, zu literarisch, zu philosophisch waren und noch dazu die fürs ideale Cover falsche Haarfarbe hatten? Nein, wollte ich nicht.

Noch nie war es so einfach, sich verlegerisch auf eigene Füße zu stellen - wenn man denn die Herausforderung annimmt und sich den Aufgaben stellt, die das Verlegen nun mal mit sich bringt. Für mich waren eine Gewerbeanmeldung, die Verfügbarkeit im Barsortiment und die Pflege meiner Daten im VLB genauso wichtig wie das Kümmern ums "Digitale", die Sichtbarkeit in den Social Media, Verlagswebsite, Blogs, Newsletter. 

eBook oder Print - das ist und war für mich nie bloß eine Frage des Geschmacks; beides halte ich für unverzichtbar. Obwohl ich mit "e" startete, stand "p" von Anfang an auf der Agenda. Nach drei Jahren (und ziemlich viel Arbeit) kann ich jedenfalls sagen, dass sich Bücher auch jenseits der Massenpfade profitabel verkaufen lassen, und dass die "Holzklasse" daran einen erfreulich hohen Anteil hat. Bis heute verzichte ich auf das Endkundengeschäft, d. h. meine Bücher werden nur über Buchhandlungen oder Amazon verkauft; die eBooks laufen (mit Ausnahme der KDP-Ausgaben) über Distributoren. Als Verlag hat man nämlich nicht nur die Möglichkeit, kostengünstig an ISBN-Nummern zu kommen, sondern kann auch Angebote für professionelles Print on Demand nutzen, wie ich es beispielsweise mit dem Barsortimenter KNV tue. Außerdem erscheinen die Bücher auch in den Amazon-Shops unter dem Verlagslabel.

Natürlich setzt ein solches Vorgehen die intensive Auseinandersetzung mit den Aufgaben eines Verlegers voraus, vor allem, wenn man (wie ich) auch für die Druckvorlagen verantwortlich zeichnet. Das kostet viel Zeit, ist aber auch auf eine wunderbare Weise kreativ! Fragte man mich heute, ob ich meinen Schritt in die "doppelte Selbstständigkeit" bereut habe, kann ich klar mit NEIN antworten. Schon nach einem knappen Jahr war der Verlag in den schwarzen Zahlen. Unlängst habe ich sogar einen Übersetzungsvertrag für meinen Roman "Der Garten der alten Dame" abgeschlossen, und ich hoffe, dass das Buch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft vor allem auch in England verfügbar sein wird, wo es sich jetzt schon in der deutschen Ausgabe recht ansehnlich verkauft.  

Ein Manko, mit dem sich allerdings jeder kleine Verlag herumschlägt, ist die mangelnde Sichtbarkeit im großen Getriebe des Buchmarktes und die durchaus zähe Akzeptanz im stationären Buchhandel. Dass sich die Grenzen zwischen Verlagsautoren, Selfpublishern, aber auch Klein(st)verlegern immer mehr verwischen, führt natürlich auch dazu, dass es zunehmend schwieriger wird, jenseits der beliebten und massentauglichen "Genreliteratur" Leser und Bücher zusammenzubringen.
Wie oft habe ich es als Leser schon bedauert, dass ich nur durch Zufall auf wunderbare (weil für meine Bedürfnisse passende) Lektüre stieß! Aber wer weiß, welche kreativen Ideen da in Zukunft noch ausgebrütet werden ... Ich bleibe Optimist.
 
Zum Schluss ein kleiner Einblick ins aktuelle Verlagsgeschäft :)

"Krimis zur Kriminalistik": Unter diesem Label erscheinen meine überarbeiteten und neu editierten historischen Krimis 
 

Die Spitzentitel: Krimis und der poetische Roman "Der Garten der alten Dame" in vier Ausgaben

Mit Worten Bilder malen ... Geschenkbücher aus dem Thoni Verlag

Bücher jenseits der Pfade ... (Die kriminalistischen Spaziergänge (rechts) erscheinen im Laufe dieses Jahres)

Buchmesse Frankfurt - Fotografische Inspiration ...
 
Gewinnspiele, Aktionen und Neues aus dem Verlag und von der Autorin gibt`s im Newsletter.

... und hier ist der sehr lesenswerte Artikel von Matthias Mattig, der mich zu meinem Kommentar inspiriert hat.  

Freitag, 29. Mai 2015

Tropfen reicht nicht, Blut muss spritzen!

Na, lieber Leser, was haben Sie, was hast Du mit dem Klick auf diesen Post erwartet? Vielleicht das, was in der Überschrift steht? Tja, damit sind wir mitten im Thema:
 

Wettkampf der Grausamkeit

"Wieso werden Thriller immer brutaler? Krimispezialistin Miriam Semrau hat genug von den Gewaltorgien. Sie fordert Spannung statt Schlachtplatte."

Weil ich "Krimimimi" gut finde, und den Artikel richtig, richtig gut, musste ich meinen Senf dazu abgeben:

Das spricht mir aus dem Herzen! Als Krimiautorin UND Kriminalkommissarin. Die Kunst, einen spannenden Krimi zu schreiben (oder auch filmisch in Szene zu setzen), besteht eben genau darin, das Kopfkino des Lesers/Zuschauers in Gang zu setzen. Dazu benötigt man Zeit: für Recherche, für die sprachliche/filmische Umsetzung, für die Kreativität und die Kunst, aus der Wirklichkeit eine Geschichte in die Fiktion zu übersetzen, so dass der Leser/Zuschauer glaubt, es sei die Wirklichkeit. Natürlich ist ein "realer Tatort" eines Tötungsdelikts alles andere als "hübsch anzusehen", aber genauso gut sind die nachfolgenden Ermittlungen in der Regel aufwendig, umfangreich, und, übersetzte man das in einen Roman, mit viel "Langeweile" verbunden. DAS wird ja im Krimi auch nicht eins zu eins abgebildet. Abgesehen davon, dass Mordfälle/Tötungsdelikte eben in der Regel NICHT von durchgeknallten Serienmördern begangen werden, die Menschen genüsslich in Einzelteile zerlegen. Auch schießen sich Kriminalbeamte in der Regel nicht den Weg für Ermittlungen frei. Warum also die überbordende Gewalt?

Wie so oft muss das Argument herhalten, die Leser wollten das so. Selbst wenn: Wer zwingt mich als Autor, dem nachzukommen? Damit meine ich nicht, dass solche Darstellungen im Einzelfall durchaus mit der Geschichte konform gehen können, also erzählerisch gerechtfertigt sind. Aber wenn Gewalt nur als billiger Effekt im Sinne "Viel hilft viel" eingesetzt wird, habe ich ein Problem damit.

... Hier geht`s zum Artikel

... und hier zur "Krimimimi"

Sonntag, 3. Mai 2015

Von grün bis gruselig

... Was sollte Krimiautorinnen und -autoren auch anderes zum Thema Garten einfallen?

Unterhaltsame Tipps für Garten, Balkon und Blumentopf – meist nützlich, manchmal schräg und mit einem Augenzwinkern erteilt – von Autorinnen und Autoren, die auch Krimis schreiben. Der aufgerundete Brutto-Erlös dieses E-Books wird wechselnden Tierhilfe-Projekten gespendet, im ersten Jahr dem Albert-Schweitzer-Tierheim in Essen.

Ich habe bei diesem Benefiz-Projekt gern mitgemacht und wünsche dem Buch natürlich viele, viele Leser und Leserinnen! Mitgemacht haben auch: Almuth Heuner, Andrea C. Busch, Anne Chaplet, Annette von Droste-Hülshoff, Anonymus, Arnd Federspiel, Barbara Wendelken, Beatrix Kramlovsky, Daniel Raifura, Elsemarie Maletzke, Eva Maaser, Gabi Neumayer, Gabriele Keiser, Gesine Schulz, Gi...tta Edelmann, H.P. Karr, Hagemann & Stitz, Ina Coelen, Ingrid Glomp, Ingrid Schmitz, Jürgen Ehlers, Jürgen Kehrer, Jutta Profijt, Klaus Stickelbroeck, Martina K. Schneiders, Mischa Bach, Nessa Altura, Nikola Hahn, Oliver Buslau, Rebecca Gablé, Sabine Deitmer, Sandra Lüpkes, Steffen Hunder, Susanne Mischke, Tatjana Kruse, Ulla Lessmann, Ulrike Renk, Ulrike Rudolph, Ursula Sternberg, Uschi Lange, Ute Hammond und Walter Wehner.

Kriminell gute Garten-Tipps. Hrsg. von Gesine Schulz

Seit heute lieferbar, derzeit in diesen Shops:
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Mittwoch, 23. Juli 2014

Kein Denkmal könnte eindrucksvoller sein ...

Gefallene Soldaten - das kennt man aus dem Krieg. Aber gefallene Dörfer? Wir haben sie erlebt, unter sommerlich heiterem Juli-Himmel in Frankreich, auf meiner Reise nach Verdun, die mir unvergesslich bleiben wird. Einige Eindrücke aus meinem Reisetagebuch:
 
Dienstag, 15. Juli 2014
"Village détruit" - ein Dorf, das es nicht mehr gibt, das gefallen ist für Frankreich im Großen Krieg, so sagen die Franzosen. Es gibt derer acht, man hat an ihrer Stelle Gedenkkapellen errichtet, geblieben ist von ihnen nichts, wahrlich GAR nichts. Nur die wie eine überdimensionale Orangenhaut aussehende Erde: Das ist noch immer der Anblick des Krieges, gnädig begrünt von hundert Jahren Natur. Aber diese Natur hat nichts verdecken können; der Untergrund blieb, nur eine Grasdecke wurde darüber gelegt, hat sich festgewachsen auf dieser Landschaft des Grauens. Die Natur hat Bäume in die Trichter gepflanzt, aber nichts verstecken können: keine Bodenerhebung, die nicht sichtbar Trichter oder Trümmerberg ist, unzählige Male durchwühlt, durchschossen, aufgeworfen, umgepflügt, bis nur noch baumloser, schuttübersäter Schlamm blieb, durchmischt mit allem, was vorher Leben war. Kein Denkmal könnte eindrucksvoller sein als dieses stumme Zeugnis menschlichen Irrsinns. 

Mittwoch, 16. Juli 2014
Nach dem Frühstück fuhren wir nach Fort Vaux. Fünfzehn Stationen, Lebenswege wurden nachgezeichnet, Kämpfe anschaulich gemacht. Es war nicht so feucht wie in der Veste Douaumont, dafür gab Vaux den Namen Gesichter, erzählte vom verzweifelten Kampf der Franzosen bis zur Aufgabe. Ich kaufte Rechercheliteratur. Ja, diese Reise ist Arbeit - Verdun: Thema meines nächsten Romans. Ich werde ihn nach diesem Besuch anders schreiben müssen als geplant. Verdun prägt, hinterlässt Spuren, verändert. Ähnlich habe ich es in Flandern empfunden, und doch war es dort anders: In Flandern wird die Geschichte noch immer in die Gegenwart geholt, der Last Post am Abend eines jeden Tages lässt die Toten klagen, den Feind noch erspüren. In Verdun bleiben die Toten in der Erinnerung, werden gleichwohl lebendig, aber nicht als Anklage, sondern als Mahnung, oder, wie Tom sagt: In Verdun hat man den Frieden gemacht. Man hat die Natur das geschundene Land bedecken lassen; die Wunden sind vernarbt, aber die Narben bleiben sichtbar, man lebt damit, kann den Schmerz beim Wetterumschwung spüren, aber es blutet nicht mehr. In Flandern blutet es noch, jeden Abend, wenn die Melodie erklingt. Zwei Erfahrungen, keine wollte ich missen.
 
Wir besichtigen MG-Kasematten und fahren nach Fleury, auch das ein "Village détruit". Fleury: Ein solch heiterer Name ... Die Gedächtniskapelle kennen wir schon, auch die grüne Hügel-Gräben-Landschaft wirkt vertraut. Und doch ist sie hier anders, hier bekommt sie einen Bezug zu dem, was war: Schilder, auf denen die Häuser bezeichnet werden: eine Farm, der Weber, der Schmied, die Kirche, die Schule. Eine ganze Dorfgemeinschaft wurde einfach weggebombt, ausradiert. Es fällt schwer, sich die Straßen und Häuser vorzustellen, und die Menschen, die einst darin gelebt haben. Selbst die Fotos an der Kirche helfen nur bedingt. Den Bürgermeister wählen sie bis heute. Dieser traurige Ort mit dem heiteren Namen war das Beeindruckendste der Reise. Musik ist hier verboten. Zu recht. Man braucht die Stille, um begreifen zu können.
 
Donnerstag, 17. Juli 2014
Fortress: Eine Reise in den Untergrund, mitten ins Leben der Soldaten; wir sind früh dran, noch wenige Besucher im Fort in Verdun; das Wägelchen für sechs Personen wartet, bis wir die Billets gekauft haben. Wir steigen in eine Zeitmaschine, fahren in den Berg, hundert Jahre zurück. Das, was wir in Fort Vaux erlaufen und erlesen, in Videos auf dem Sprachführer gesehen haben, wird hier unmittelbar, lebensecht. Der Wagen hält, vor uns ein Offizier nach schlafloser Nacht im Selbstgespräch. Er schreibt einen Brief an seine Lieben, benennt die Dinge mit Namen, die in diesem feuchten Labyrinth schon lange nichts mehr zählen: Liebe, Leben, Sonne, die Ernte, der Alltag zu Hause. All das, was in Fort Vaux die Fantasie erschaffen muss, wird im Dämmerlicht präsent. Die morschen Betten, ein Wasserkrug, Requisiten des täglichen Überlebens. 
Nächste Station. Ein General, der das Wienern der Uniformknöpfe verlangt und mehr Weihrauch vor der Krankenstation, um den Gestank zu vertreiben. Der Vorgesetzte der Soldaten wagt zu widersprechen, sich für seine Leute einzusetzen, die jämmerlich krepieren; Gehör findet er nicht. Es geht nicht um Recht oder Unrecht, nicht um Moral, um Menschlichkeit schon gar nicht. Es geht um strategische Ziele, um das große Ganze, was auch immer das ist. Diese Gespräche könnten genausogut auf Deutsch wie auf Französisch geführt sein, via Kopfhörer werden sie es ja auch, während die Originalsprache an den Wänden hallt. Deshalb war der Weihnachtsfrieden 1914 so gefährlich, musste mit allen Mitteln unterbunden, beendet werden: die Feststellung, dass Soldat Jean und Soldat Peter mehr gemeinsam hatten als ihre Befehlshaber, wäre kriegszersetzend, zu bedrohlich gewesen. 

Die Fahrt geht weiter, vorbei an Stellagen mit Brotlaiben, Halt in einer Bäckerei. Ein Anflug von Fröhlichkeit, als der Laufbursche sich zwei Brote verdient, ein junger Kerl, einarmig, wie wir erfahren, der Einzige, den man aus den Trümmern des heiteren Fleury noch lebend herausgegraben hat. Gedeckte Tische an den Wänden rechts und links, wir fahren an Tellern, Bestecken, Gläsern vorbei; ein Viertelbrot für jeden, die Reihen sind noch leer. Es fällt nicht schwer, sich die Männer vorzustellen, die hier bald sitzen werden, abgekämpft und müde und keine Chance darauf, so alt zu werden, wie sie aussehen. Unser Wagen dreht sich langsam im Kreis, dass wir dieses "Rattenloch-Leben" in allen Facetten aufnehmen können, das nur deshalb einen Hauch von Dämmerlicht-Romantik hat, weil der Gestank fehlt und die Angst, beim nächsten Angriff lebendig begraben zu werden.
 
Wieder der Offizier vor uns. Er denkt daran, als er jung war, seinen ersten Flieger sah: ein Erlebnis, an dem wir teilhaben, der hohe, weite Himmel, Wind im Gesicht, die Spielzeuglandschaft unter uns; wir nehmen den Blick des Piloten ein, ein Licht kommt näher, blendet, wir sind zurück im Graben. Der Flieger wird zur Gefahr, nimmt Leben, unzählige, bedroht, zerstört, bis er selbst zerstört wird. Angriff. Wir sind mittendrin im Schlachtgetümmel, die Artillerie schießt, wir hören den Kanonendonner, spüren die Erschütterungen, und doch: Es ist Kino, die Angst fehlt. Wir werden weiterleben. Aber wer nur einen Funken Fantasie hat, kann sich nicht entziehen. Die Schlacht endet mit dem Einsturz des Tunnels, unsere Fahrt vor einer eingestürzten Tür. Wir steigen aus, gehen ins Dunkel, ein Rauschen: Langsam wird es hell, wir durchqueren einen Wald, Bäume mit Blättern daran, die es auf den Schlachtfeldern schon lange nicht mehr gibt.
 
Wir verlassen das Fort, fahren aus Verdun heraus, vorbei an Wiesen, Feldern, Wäldern. Friedlich sieht die Landschaft aus, versöhnlich, gut. Die Sonne scheint. Obwohl uns hundert Jahre vom Großen Krieg trennen, ist die Vergangenheit nur einen Lidschlag entfernt.



Montag, 26. Mai 2014

Vom Kreativposten zur Schreib-Maschine - aus einem Autorenleben (1)

Die Protagonistin (im Gespräch mit ihrer Lieblingslektorin):

Annabelle Chanson, alias Anna Conda alias A.C. Dacon, die AUTORIN, die im realen Leben Annegritt Müller-Eckehardt heißt, in einem Reihenendhaus wohnt und ihre Brötchen je nach Trend mit Liebesschmonzetten, Histoschinken oder Regiokrimis verdient, was ihr nachgerade zum Hals heraushängt. Um nicht durchzudrehen, schreibt sie nebenbei heimlich Kochbücher und Gedichte.


Verlagsgespräche. (1)

(Ein Reihenendhaus am Rand von Frankfurt. Schreibstube unterm ausgebauten Dach. Bücher allüberall. Ein Schreibtisch. PC, zwei Monitore. Aus dem Handy dudelt Smoke on the Water.)


Annabelle Chanson (nimmt ab): Ja?

Lektorin: Guten Tag, Anne. Wir müssten mal ein paar Dinge besprechen.

AC: Ich dachte, der neue ist draußen?

Lektorin: Ja, ja, alles bestens. Die Auslieferung läuft auf vollen Touren, und die Vorbestellzahlen sind ja wirklich ordentlich. Sogar kleinere Läden haben ganz gut geordert.

AC: Das freut mich.

Lektorin: Ja, wir haben aber diesmal auch wirklich ein gutes Marketingkonzept.

AC: Aber?

Lektorin: Ja, also … Bitte, dass Sie mich nicht falsch verstehen, Anne. Aber ich bin ja nicht allein im Verlag. Und es war schon etwas schwierig dieses Mal, den Titel so durchzusetzen.

AC: Der Vorgänger erscheint in der vierten Auflage! Die Anzahl der Leser steigt von Band zu Band!

Lektorin: Ähm, nun … Für den Moment mag das noch stimmen. Man muss aber auch sehen, dass wir einen wirklich hohen Aufwand betreiben, um die Bücher am Markt zu positionieren.

AC: Könnten Sie mir endlich mal sagen, was los ist?

Lektorin: Wir kennen uns ja schon eine Weile, und das ist ja nicht das erste Buch, das wir zusammen machen. Und es geht auch gar nicht um die Leidenschaften. Das läuft schon alles ganz gut.

AC: ABER?

Lektorin: Sie kennen vielleicht die Kitty-Krimis?

AC: Ja …

Lektorin:  Ich sage es ungern: Aber die haben Verkaufszahlen, da können wir nur davon träumen. In der letzten Vertreterkonferenz kam daher die Idee auf, eine ähnliche Serie auch in unserem Verlag zu etablieren. Die Regionalkrimis boomen derzeit wie verrückt. Und die Prognosen in diesem Segment sind hervorragend, während bei den historischen Romanen doch eher … nun ja.

AC: Ach.

Lektorin: Seien Sie bitte nicht enttäuscht. Aber ich glaube, dass wir für Ihren nächsten Roman nicht mehr dieses Werbebudget zur Verfügung haben werden. Natürlich hängt das auch von den endgültigen Verkaufszahlen ab, aber mittelfristig werden wir den Programmschwerpunkt wohl eher auf den Kriminalroman mit regionalem Bezug legen.

AC: Sagen Sie bloß, Sie haben diese Kitty-Autorin eingekauft?

Lektorin: Leider nein. Aber wir brauchen was Ähnliches, das aber auch genügend unterscheidbar ist, dass die Leute Lust haben gerade diese neue Serie zu lesen.

AC: Und da dachten Sie an mich?

Lektorin: Schwierig, ich weiß. Es ist auch nicht geplant, die Leidenschaften einzustellen. Die Verkaufszahlen sind ja derzeit noch ganz gut. Aber vielleicht könnten Sie außerdem noch was für die Zielgruppe der Kitty-Leserinnen schreiben? Ich dachte an einen Band pro Jahr, ca. 400 Normseiten, weibliche Heldin, am besten eine Kommissarin mit dem gewissen Etwas. Auf jeden Fall viel Lokalkolorit. Vielleicht mit der Location Frankfurt?

AC: SIND SIE VERRÜCKT? Ich schreib doch nicht über die Stadt, in der ich wohne!

Lektorin: Die Stadt ist ja eigentlich egal. Es kann auch eine bestimmte Gegend sein.

AC: Allgäu und Eifel sind schon vergeben.

Lektorin: Sie machen es also? Bis wann könnte ich das Exposé und eine erste Leseprobe haben?

AC: Zur Messe?

Lektorin: Ja, gut. Wenn Sie mir vorher schon, gern auch formlos, eine Grundidee übermitteln könnten? Das wäre prima! Ich könnte dann intern schon mal avisieren …

AC: Und welches lokale Setting hat man intern so im Auge - außer Frankfurt? Damit ich nicht wieder fünfmal umdisponieren muss?

Lektorin (lacht): Sie sind die Schriftstellerin. Denken Sie sich halt was aus!
 
 
(Eine Reminiszenz an den "Verlag ohne Bücher". Ein interaktives Schreibprojekt von Nikola Hahn, das mit dem realen Leben, darauf legt die Verfasserin großen Wert, aber rein gar nichts zu tun hat.)
 
Fortsetzung folgt ...

Donnerstag, 17. April 2014

Amazon ist nicht das Problem!

"Beliebigkeit verkauft sich nicht", schreibt Buchhändlerin Martina Bergmann in ihrem buchreport blog und einer profunden Bestandsaufnahme derzeitiger "Bestsellermentalität" folgt das Statement: "Den höchsten Preis für diese gleichförmig langweiligen Programme zahlen die Autoren. Überdrehung und Textproduktion widersprechen sich, und das Wegbrechen nahezu jedweder Backlist tut ein Übriges, sie von beruhigter Arbeit abzuhalten. Ich kann es ihnen deshalb nicht verdenken, wenn sie nach Alternativen suchen. Aber ich verstehe nicht die Logik, nach der Amazon ausgerechnet zu Autoren fairer sein soll als zu Lieferanten und Logistikern. Autoren sind auch Menschen, und Menschen zählen nicht in dem System."
Was soll man dazu sagen?
Guter Text. Richtig und wichtig. Aber Amazon ist nicht das Problem, sondern das Resultat. Ein Besuch auf einschlägigen Autoren-Plattformen lässt deutlich werden, wie sehr mittlerweile "Content" das Geschichtenerzählen ersetzt, ein Blick in die Listen der Neuerscheinungen, das Outsourcen von Qualität (Lektorat, Korrektorat) tut ein Übriges. Die Übernahme dessen, was man glaubt, dass es "der Leser" lesen will, durch Menschen, die statt Bücher auch Kopfschmerztabletten verkaufen könnten und die Rechtfertigung all dessen durch (monetär bestimmte) "Erfolgslisten": Ja, das gab es auch früher schon, und natürlich müssen auch Bücherleute Geld verdienen. Nichts gegen die Bedienung der "Masse", aber dass Bücher immer auch Ideen und Ideale verkörpern, was sie schließlich zur "Kultur-Ware" macht(e), das gerät zunehmend in Vergessenheit. Dass "etablierte Kräfte" der "Bücherwelten" zunehmend an Bedeutung verlieren, haben sie sich (auch) selbst zuzuschreiben. Es hat schon was: einem Gewerbe, das von der Fantasie lebt, fehlt es an der Fantasie, die (auch digitale) Herausforderung und Chance des Buchmarktes für sich zu entdecken. Stattdessen wird gebetsmühlenartig die "Krake Amazon" beklagt, der man sicherlich genau diese mangelnde Fantasie nicht vorwerfen kann. Und eines auch nicht: Dass man (auch) als "Nischenkunde" (und -Produzent) erstklassigen Service erhält. Soll ich sagen: Leider? Ja. Denn Konkurrenz belebt das Geschäft, und ich kenne und liebe die Welt der (kleinen) Buchhandlungen - aber was nutzt das, wenn immer nur geklagt und nicht gehandelt wird?
Link zum Blogeintrag von Martina Bergmann auf buchreport: 
http://www.buchreport.de/blog.htm?p=3661

Montag, 17. März 2014

Schlüsselprozesse. DAS MUSS RAUS!

So gern ich ja über Berti und die Bücher schreibe, und so strikt, wie ich mir vorgenommen habe, nicht auch noch hier den Tag mit Gedanken über meinen frustrierenden Broterwerbsjob zuzukleistern – DAS muss raus!

Schon vor einiger Zeit hat man uns mitgeteilt, dass demnächst (mal wieder!) eine Umorganisation ins Haus stehe, natürlich zu unserer aller und der Sache unermesslichem Vorteil. Insbesondere, so das Credo, sei es wichtig, dem Betriebsgebilde einen identitätsstiftenden Rahmen zu geben, will heißen: wir werden dem Zeitgeist entsprechend corporatet identitiert. Kaffeegetränkt und semmelsatt strömte nach der Frühstückspause heute die gesammelte Meute vom Pförtner bis zum Chef in den großen Besprechungssaal, in dem ein crossmediales Mehrgängemenue auf uns wartete: Als Aperitif ein bedeutungsschwangeres Grußwort des Chefs und die Vorsuppe ein Feuerwerk aus powerpointierten Kästchen, Pfeilchen und Kringeln, die sich im Hauptgericht zu einer Komposition aus Flipchart-Botschaften mit Wölkchen drumherum und bunten runden Moderationskärtchen zu gut abgehangenen Flussdiagrammen mit einer gedünsteten Beilage aus gutmenschelnden Fotolia-Fotos zusammenfanden. Als Nachtisch gab`s die Aussicht auf diverse Workshops, in denen wir aus der operativen Ebene unsere Sichtweisen einbringen sollen. Na ja, ich fasse das Ergebnis mal zusammen: Das, was wir täglich tun, wird in Zukunft alles anders formuliert und dann läuft das Schlechte weiter wie gehabt und das Gute schafft man großteils ab, weil das nicht mehr in die zu erstellende Prozesslandkarte passt. Bedarfserschließungen werden durchgeführt und Schnittstellen werden erarbeitet, innerhalb der Prozesse zwischen den Schlüsselprozessen, wobei  Schlüsselprozess, so hab ich`s in meinem minderbemittelten Hirn jedenfalls verstanden, wiederum eine Formulierung für das ist, was wir seit Jahr und Tag schon machen, nur wird das eben in diesen noch zu installierenden Workshops neu erarbeitet, flussdiagrammatisch visualisiert und anschließend von der Basis bis zum Management durchnivelliert.

Ach ja, und die Kundenkommunikation soll ebenfalls analysiert und optimiert, das heißt dergestalt ausgerichtet werden, dass das, was wir jetzt schon verdrehen, in Zukunft noch etwas eleganter verdreht werden kann, damit sich die Kunden nicht ganz so verarscht vorkommen, was man unter das Rubrum strategische Entwicklungszielentwicklung subsumiert. Und das Malen nach Zahlen, will heißen: Die Entwicklung eines einheitlichen, den tieferen Sinn Ihrer Organisation spiegelndes und dem Identifikationsbedürfnis des Personalkörpers Rechnung tragendes Symbol in Form eines adäquaten Logos, soll in einem weiteren Arbeitskreis initiiert, in abteilungsübergreifenden Workshops konzipiert und durch die Einrichtung von Qualitätszirkeln feinjustiert werden, selbstverständlich unter Einbeziehung Ihrer sozialen und arbeitsökonomischen Bedürfnisse und innovativ-kreativen Ideen.
Angesichts solcher Aussichten kann man ja gar nicht anders als abgrundtief begeistert zu sein! Und damit das so bleibt, hat sich der Chef den unverzichtbar wertvollen Blick von außen geholt. Serviert wurde das Menue nämlich von einer typischen, sorry, Kommunikationstussi, die aussah, als würde sie den Heiligen Abend mit einem 120-seitigen Powerpointvortrag einläuten. Die war so verliebt in ihre Strategien, dass ich die ganze Zeit darauf gewartet habe, dass sie auf den Tisch steigt und den Beamer küsst. Und unser Chef erst! Kaum wiederzuerkennen!
Wir freuen uns, dass wir für diese wegweisende Aufgabe eine ausgewiesene Fachfrau gewinnen konnten. Frau Dr. Libeskinnt, mit „Doppel-Enn“ und einem „Tee“ (witzisch, witzisch, Cheffe!) wird uns und Sie durch diesen spannenden Prozess begleiten und sicherlich wertvolle Impulse geben.

Immerhin hat sie es fertiggebracht, den gesamten Betrieb für den Rest des Tages lahmzulegen, denn nach dem genialen Vortrag war an Arbeiten natürlich nicht mehr zu denken. Aber wenn ich ehrlich bin: Es sprießt schon, das zarte Pflänzchen der neuen Corporate Identity: Der Depp aus der zweiten Etage, der inzwischen wahrscheinlich 4300 Facebook-Freunde hat, meinte auf dem Weg zurück in die Büros: Tja, ja, du liebes Kind: Da kommt ein schöner Scheiß auf uns zu! Und alle haben losgegrölt. Sogar die schüchterne Tippse aus der 1. Etage, 3. Büro links, von der ich mir nie den Namen merken kann. Wenn das so weitergeht, trinken wir nach dem Workshoppen demnächst alle  ein Bier zusammen!
 
aus: Neues vom Verleger.
www.thoni-verlag.com
 

Samstag, 9. November 2013

#buchbloglob - Leser, Ihr seid dran!

Es gibt so viele wunderbare Bücher, und doch: Manchmal fragt der Leser sich, wo und wie er sie finden soll? Zeitungen und Magazine, die durch Rezensionen oder auch Berichte über Autoren früher eine wichtige Filterfunktion hatten, fahren ihren "Literaturteil" zunehmend zurück oder schaffen undurchsichtige (Rechts-)Verhältnisse, die es Autoren, Verlagen oder anderen Bücherbegeisterten schwer bis unmöglich machen, "sicher" zu zitieren. Hinzu kommt, dass die quirlige und lebendige "Indie-Szene" der Selfpublisher in der "etablierten Literaturwelt" immer noch kein Zuhause gefunden hat, sei es im Buchhandel, sei es in "etablierten" Bücherlisten oder im Buchhandel "um die Ecke", der selbst ums Überleben kämpft. Und mittendrin stehen die Leser, die nur eins wollen: Gute, spannende, fantasiereiche, schöne Bücher lesen!

Was "gut", "spannend" oder "schön" ist? Ja, das unterscheidet sich in der Tat von Leser zu Leser, und doch: Journalisten und Buchhändler schafften es lange Zeit, dem Leser Orientierung im "Bücherdschungel" zu bieten. Das tun sie heute immer noch, aber es ist ein anderer Filter hinzugekommen, dessen Initiatoren ebenso wie die Selfpublisher lange Zeit ein belächeltes Dasein führten: die Community der Buchblogger.

Ich behaupte, ihre Bedeutung wird in den kommenden Jahren weiter steigen, denn sie bieten den Lesern nicht nur Orientierung, sondern auch ein "Buchzuhause". Was liegt näher, als Leser und Bücherblogger noch näher zusammenzuführen?

Liebe Leserinnen, liebe Leser, Ihr seid am Zuge: Bewertet Eure Lieblings-Buch-Blogs und twittert sie an andere Lesebegeisterte weiter!

Links
#buchbloglob - Einladung zum Mitmachen
#buchbloglob auf Twitter
#buchbloglob - Buchblogliste A - Z
Café Mocca - Der Lesertreff im Thoni Verlag

... und ich auf Twitter: Nikola Hahn @baumgesicht

Montag, 4. November 2013

BUCHTHEATER - 3. Lesegeheimnisse ...

Am Anfang war das Hören. Die Menschen saßen ums wärmende Feuer, draußen oder drinnen in der Höhle, Sonnenuntergang, dämmriges Licht. Einer erzählte, die anderen schwiegen, hörten zu. Was bekamen sie wohl zu hören, unsere Ahnen? Erlebtes, Erfahrenes, erzähltes Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben und dadurch zum Gedächtnis aller, zur Geschichte wurde. Viele tausend Jahre später wurde immer noch erzählt, im Winter die Weihnachtsgeschichte, unterm Baum mit Kerzenlicht, Plätzchenduft, und die Hörer bekamen glänzende Augen. Abends folgten Gute-Nacht-Geschichten, aus dem Zauber des Augenblicks geboren; die Kinder vergaßen sie lange nicht, manche vergaßen sie nie. Zwar waren die meisten dieser Geschichten längst auf Papier gedruckt, aber das Vorlesen war mindestens so geheimnisvoll wie das Erzählen, denn der Vorleser gab wie einst der Erzähler der Geschichte seine eigene Stimme.
 
Waren es Erzähler, waren es Hörer? Irgendwer hatte irgendwann angefangen, gehörte Geschichten aufzuschreiben. Fortan blieben sie besser in Form, veränderten sich nicht mehr beliebig, und wurden doch jedes Mal neu und anders, denn nach wie vor fingen sie erst in den Köpfen derer an zu leben, die sie lasen. Der Leser wurde autark, zum Souverän. Er erzählte sich fortan selbst, indem er las. Schmucklose Buchstaben erzeugten Stimmen und Bilder, schmolzen zu einer Melodie, die nur für ihn, in einer einzigartigen Weise spürbar, hörbar, fühlbar war. Und die ihn gleichzeitig mit anderen Lesern verband, die Gleiches, aber nie dasselbe fühlten und spürten.
 
Ein Kinobesucher kann vom Film begeistert sein, wie der Leser kann er mit den Figuren fühlen, leiden, weinen. Kann ein Film nicht ebenso entführen, wie es ein Buch vermag? Oder, um den Sprung ins elektronische Zeitalter zu tun: Ist die Krönung nicht das PC-Spiel, in dem der Konsument zum Akteur wird, der die Geschicke mitbestimmt, der letztlich seine eigene Geschichte schreiben kann?
 
Wer einen Film anschaut, braucht keine Bilder im Kopf, er bekommt sie auf der Leinwand oder dem Bildschirm fertig geliefert: die einsame Landschaft genauso wie das Großstadtleben oder eine ferne Galaxie. Die Bösen und die Guten sehen aus wie sie eben aussehen, und das Rot ihrer Mäntel und das Blau ihrer Hemden zeigt der Filmemacher den Zuschauern als Fixum. Es gibt nichts dazuzudenken, es ist alles schon da. Der Zuschauer konsumiert, der Leser interpretiert: die Intensität von Rot, das Leuchten von Blau, hysterisches Lachen, einen schüchternen Blick, einen verborgenen Garten, den Sonnenaufgang. Der Zuschauer kann fühlen und mitfühlen, sich gruseln und ekeln, aber er kann es nur in der Welt tun, die ein anderer ihm vorsetzt. Die Welt des Lesers wird lebendig in dem Moment, wenn er sie erliest, er faltet einen Fächer auf und bemalt ihn mit eigenen Farben. Er geht in ein Haus und richtet die Zimmer ein. Der Fächer des Zuschauers ist schon aufgeklappt, und manchmal ist er mit so wunderbaren Mustern und Farben bemalt, dass er sich darin verlieren kann. Und doch bleibt er vorgefertigt, seine Schönheit ist für alle gleich. Die Welt des Lesers hingegen wird erst durchs Lesen fertig. Ein Autor hat nur sechsundzwanzig Bausteine, aus denen er einen Fächer oder ein ganzes Haus bauen kann, und sie taugen nicht, sämtliche Möbel zu zimmern. Filme laden ein zu einer Fertighausausstellung. Häuser und Gärten sind formvollendet angelegt. Das kann gefallen, sogar dem nahekommen, was der Zuschauer mag und sich wünscht. Es kann ihn inspirieren, beflügeln. Und doch bleibt er Gast, wird kein Gestalter. Niedergeschriebene Geschichten hingegen laden den Leser ein, die Räume nach eigenem Gusto zu füllen, das Grün im Garten nach Gespür und Gemütsverfassung zu komplettieren.
 
Der Zuschauer bekommt etwas geboten: Er sieht und hört. Der Leser sieht nichts außer reizlosen Zeichen, die zu Wörtern verbunden sind. Erst wenn er anfängt zu lesen, entfaltet sich der Zauber: Die Wörter, Sätze, Seiten fangen ihn ein; aus ihnen sprudelt Spannung, Abenteuer, Sehnsucht, Wehmut, Trost und Trauer, Lachen, Leben, Lust.
 
Aber hat die Moderne das alles nicht längst überholt, selbst den Film, den altmodischen, hinter sich gelassen? Ist nicht der PC-Spieler der wahre Gewinner im Geschichten-Erleben? Er lässt nichts Erzähltes über sich ergehen, er gestaltet es mit! Ist er nicht der kreativste, fantasievollste Konsument von allen? Auf den ersten Blick vielleicht. Aber was ist er tatsächlich?
 
Der Spieler begibt sich wie der Zuschauer und der Leser in eine fremde Welt, aber er muss etwas tun, um sie erlebbar zu machen. Er kann nicht genießen ohne zu handeln. Er tut in einer fremden Welt, was die Menschen seit Anbeginn ihres Daseins in ihrer eigenen Welt tun: Agieren, Reagieren, Interagieren, Kämpfen, um sich zu profilieren, zu amüsieren, sich mit anderen zu messen, an ihnen zu wachsen oder zu scheitern. Er folgt einem Weg, den ein anderer angelegt hat zu einem Ziel, das ein anderer definiert hat. Weil er das Ziel nicht kennt, mag der Weg dorthin spannend sein, aufregend, anregend. Vor allem, wenn es hier und da einen Abzweig gibt, eine Gabelung, die vorspiegelt, selbst entscheiden zu können. Der Spieler wird Gefühle haben, Ärger, Freude, Lust, aber sie sind nicht mit seinem Leben verbunden, haben dort keine Konsequenz, lassen ihn nicht reifen. Er lebt ein virtuelles Leben, das anstrengt wie ein echtes. Nur dass es nicht echt, nicht wahr ist.
 
Geschichten hingegen wollen gar nicht wahr sein, sie wollen nur das Gefühl von Wahrheit erzeugen, Gegenpart zu den Zumutungen des Alltags, Rückzugsort für die Seele sein. Sie fordern nichts außer das Stillesein. Wer eine Geschichte liest, kann niemals scheitern. Im Zimmer der Fantasie steht ein Sofa, und das Fenster, das den Blick hinaus ins Grüne lenkt, ist weder dafür vorgesehen noch geeignet, ein Bungee-Seil daran zu befestigen. Geschichten brauchen Ruhe, keinen Krawall. Sie vertragen sich mit Bildern, nicht mit Animation.
 
Vielleicht wird man irgendwann all den Out-Geburnten statt Yoga und Klosterwochenende empfehlen, ein Buch in die Hand zu nehmen, Geschichten nicht zu konsumieren, sondern zu erlesen. Womöglich werden sie fragen, wie die Altvorderen es angestellt haben, sich mit Papier und Buchstaben zu amüsieren. Und warum sie als moderne Menschen Zeit damit verschwenden sollten, auf Schwarzweiß zu gehen in ihrer fröhlich bunten smartgephonten Online-Welt.
Wie schade das wäre!
(c) Nikola Hahn
 
u.a. als Kolumne veröffentlicht bei Qindie - Das Autorenkorrektiv.

Montag, 28. Oktober 2013

Bücher stehlen? Aber ja doch! Alles nicht so schlimm ...

Es gibt Themen, die treiben einen um ... Zum Verständnis: SB = Spiegelbest, ein sog. "Buchpirat", der auf der Internetseite Qindie (einer Autoreninitiative für unabhängiges Publizieren(!), der ich auch angehöre, was es nicht besser macht), eine kostenlose Werbeplattform erhielt.

„Denke … selbst (wenn möglich).“ Mit dieser schönen Einleitung beginnt auf der Plattform Qindie ein Kommentar zum Thema „Buchpiraterie“. Ich konnte mich einer Erwiderung nicht enthalten und frage: Ist das wirklich zu Ende gedacht? Im Falle von SB geht es nicht um Meinung haben oder nicht haben oder um Gestrige, die nicht offen wären für Neues. Es geht schlichtweg darum, dass hier jemandem, der sich offen zu kriminellem Tun bekennt (oder, wie bitte, soll man den Euphemismus „Bücher befreien“ mit ein bisschen Nachdenken anders subsumieren?), eine Werbeplattform geboten wird, um sich und sein Tun in geschmeidigen Worten zu bewerben.
Was das Neue angeht, das wir denken müssen: Das ist alles richtig! Alte Zöpfe abzuschneiden tut weh, es wird Verlierer, es wird Gewinner geben, Manches wird untergehen, Neues wird entstehen. Wahrscheinlich begreifen wir den gegenwärtigen Umbruch der Welt ebensowenig wie die Menschen den Umbruch der Welt durch die Erfindung des Automobils begriffen haben: „Diese Maschine wird das Pferd nie ersetzen können“, das meinte man damals mit dem gleichen Ernst wie auch heute über alte Zöpfe debattiert wird. Also: Alles richtig, was die Modell-Diskussion angeht, das Wege-Suchen, das Kritisch-Beleuchten.
Aber was hier und auch in anderen Debatten gemacht wird, ist viel mehr als das: Man hat Verständnis für den Automobilisten, der ob der Begeisterung für sein Gefährt Hühner, Kinder und alte Leute überfährt und das damit rechtfertigt, dass sie eben zu langsam die Straße überquert haben. Wir reden mit dem professionellen Ladendieb, der nach Abschaffung der Tante-Emma-Läden und Einführung großer Warenhäuser mit dem Argument kommt: „Wer einen solchen Konsumtempel betreibt und die Waren so verführerisch frei hinlegt, ist doch selbst schuld, wenn ich sie mir nehme.“ Es ließe sich fortführen: „Wie bitte? Du willst nicht, dass jemand deine Kreditkarte missbraucht? Dann bezahle gefälligst weiterhin mit Bargeld!“ Wer will, kann sich weitere Beispiele überlegen.
Neues wird immer dazu führen, dass es Menschen gibt, die daraus auf Kosten von anderen ihren Vorteil ziehen, im schlimmsten Falle werden neue Formen der Kriminalität entstehen. Das ist im und mit dem Internet nicht anders. Es geht also nicht um neue Wege, es geht darum, wo wir die Grenzen setzen wollen. Welche Werte wir leben und vermitteln wollen. Ob wir Kriminelle salonfähig machen wollen. Leute, von denen wir nicht mal wissen, wer sie sind! Leute wie SB, bei denen selbst die Maske, hinter der sie sich verstecken, gestohlen ist.
Es geht nicht darum zu reden, kontrovers zu diskutieren, Probleme zu thematisieren. Es geht darum, beliebig zu werden, für nichts mehr zu stehen, keine Grenzen mehr zu kennen und für keine mehr zu kämpfen. Ist doch alles nicht so schlimm. Ich hab doch Verständnis, für alles und jeden. Schöne neue Welt.

Links:

Qindie - das Autorenkorrektiv
Original-Kommentar von Stefan Holzhauer und meine Originalreplik 

Samstag, 26. Oktober 2013

Wut im Bauch!

Ja, ich gehöre auch zu denen, die es NICHT gut finden, dass Leute vom Schlage eines "Spiegelbest" ein Forum und damit Gratis-Werbung(!) ausgerechnet bei einer Selfpublishing-Organisation erhalten, die Qualitätssicherung auf ihre Fahnen geschrieben hat (Qindie). Verflixt noch mal: Warum musste man auch noch das Piratennest mit Adresse benennen?!
Natürlich halte ich die Diskussion aus, auch, dass anderen der Illegal-Download ihrer Bücher egal zu sein scheint. MIR ist das NICHT egal. Weil ich auch etwas dagegen hätte, wenn am Monatszweiten die Hälfte meines Gehalts zurückgebucht würde, weil jemand meint, er bräuchte auch ein bisschen Geld und ich hätte ja ohnehin noch genug und außerdem ... Lassen wir das.
Natürlich trete ich deshalb nicht bei Qindie aus, aber ich finde schon, dass man eine solche Diskussion, wenn schon, mit etwas mehr "Hinterdenken" anzetteln sollte. Das Statement des Herrn "Buchpiraten" ist ein geschickter Marketing-Schachzug. ER zumindest hat seine Publicity bekommen. Wenn Qindie nicht aufpasst, bleibt es auf dem Kollateralschaden sitzen.  
Wenn ich überlege, wie viel - gerade in Selfpublisher-Kreisen - Wert darauf gelegt wird, "frei" zu sein, frei von inhaltlichen, frei von organisatorischen, frei von VERLAGS-Zwängen - und die gleichen Leute finden es dann überlegenswert, mit "Unternehmungen" zu liebäugeln, deren "Inhaber" die Entrechtung von Autoren zum Geschäftsmodell erklärt haben? Das macht einigermaßen fassungslos.
Und mal ehrlich: Gerade die Selfpublisher gehen doch mit der Preisgestaltung schon mehr als es teilweise die Schmerzgrenze erlaubt, auf ihre Leser zu. Einen Roman für den Gegenwert einer Tasse Kaffee oder einer Schachtel Zigaretten! Wenn Leser nicht mal bereit sind, das zu bezahlen: Welchen Wert messen wir uns selbst, unserer Arbeit noch zu? Statt Pionierarbeit zu leisten, indem wir Selfpublisher selbstbewusst sagen: Hey, Verlage, Ihr habt im Printbereich durch die Möglichkeit, große Auflagen zu drucken, die Nase vorn, was die Preise angeht, aber WIR haben im eBook-Bereich die Nase vorn, weil wir die günstige Herstellung eines eBooks eben nicht auf den großen Verlagsapparat übertragen müssen ... Nein, statt dessen wird "Gratis-Kultur" gefahren oder eine Flatrate schöngeredet. FLATRATE für Bücher. Supi. Was und wer wird davon wohl profitieren? Natürlich die Bestseller. Aber doch nicht engagierte und schreibende Überzeugungstäter, die nicht bei jedem Wort auf den Publikumsgeschmack schauen und vielleicht gerade deshalb lesenswerte Bücher schreiben? Haben diejenigen unter uns, die aus der Verlagswelt kommen, nicht genau das im Selfpublishing gesucht? Die Freiheit, gerade einmal NICHT jedem Trend hinterherzuschreiben? Sich gerade NICHT von anderen bestimmen, bevormunden zu lassen? Das, was "Spiegelbest" macht, propagiert und will, widerspricht dem Gedanken der Schriftsteller- und Verlegerfreiheit gleichermaßen. ER weiß, was für uns gut ist. Und wenn wir das nicht einsehen, dann haben wir halt Pech gehabt und sind von gestern.
Ok. Dann bin ich von vorgestern.*
 
Und hier ein paar Links zum Verständnis:

Qindie - das Autorenkorrektiv (Startseite)
Beitrag von (Qindie-Mitglied) Ruprecht Frieling dazu (und darunter meine in Wallung geschriebene Erwiderung, die über das Oben Gesagte noch hinausgeht ;))

* In leicht abgewandelter Form habe ich den Post auch bei Qindie hinterlassen.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Buchmesse 2013 - Eine Bilderreise mit Gewinnspiel

Dreimal "Der Garten der alten Dame" zu gewinnen!

 
Während ihres Messerundgangs traf Nikola Hahn unversehens auf eine ihrer Romanfiguren aus "Der Garten der alten Dame". Natürlich hat sie ihre Begegnung im Bild festgehalten - nur in welchem? Und wen hat sie nun getroffen?
 
Unter allen richtigen Einsendungen, die bis zum Samstag, 19. Oktober, im Thoni Verlag eingehen, werden drei Exemplare des Romans "Der Garten der alten Dame" verlost!

1. Preis: "Der Garten der alten Dame", Frühlingsgarten (farbige Schmuckausgabe)
2. Preis: "Der Garten der alten Dame", Herbstgarten (mit Schwarzweißillustrationen)
3. Preis: "Der Garten der alten Dame", Wintergarten (vollständige Textausgabe)

Hier geht`s zur Buchmesse-Bildergalerie und dem Gewinnspiel - viel Vergnügen und viel Glück!
 

Sonntag, 13. Oktober 2013

Messerückblick - Braucht das jemand?


Eigentlich ist es erschreckend, wie schnell der Alltag einen wieder hat … aber so ein bisschen kann man es hinauszögern, es ist ja (noch) Sonntag. Spät fing sie diesmal an, „meine“ Messe, erst gestern. Der Gang zum Bahnhof, der Herbstduft in der Luft, das war die gewohnte Einstimmung. In der Bahn sitzt mir ein Junge gegenüber, geschätzte fünfzehn Jahre alt, und ich warte instinktiv darauf, dass es passiert. Aber er schaut bloß aus dem Fenster. An der nächsten Station steigt sein Freund zu, kramt in seiner Tasche. Jetzt aber! Wieder täusche ich mich. Statt seines Handys holt er eine Tüte mit Croissants heraus und die beiden Jungs verbringen die Bahnfahrt mit einem Gespräch. Nicht einmal wird telefoniert, gesimst oder überhaupt nur das Handy rausgeholt. Lange nicht mehr erlebt, schön zu sehen.
Die Bahn fährt bis zur Messe durch, aber ich steige wie immer am Hauptbahnhof „Tief“ aus. Das muss sein! Dieses Mal auch deshalb, weil ich endlich herausfinden will, wo sich  meine Lieblingsbuchhandlung versteckt. B-Ebene, ein dunkles Eck, die Lichter sind noch aus. Ich schiebe einen Gruß unter der Glastür durch, dass ich mich aufs Treffen am Abend freue und gehe nach oben. Ich liebe diese knapp zehn Minuten Fußweg vom Bahnhof bis zur Messe, genieße es, ein Teil der Rucksack tragenden, Rollkoffer ziehenden Karawane zu sein. Die Messe öffnet um neun, ich habe noch Zeit, mache einen Abstecher zum Skyline Plaza, Frankfurts neuem Einkaufstempel. Edel sieht es drinnen aus – und es herrscht gähnende Leere. Die Buchhandlung im ersten Stock: verschlossen wie die meisten Läden, aber nun weiß ich wenigstens, wo ich abends hin muss.
Und jetzt, endlich: Auf zur Messe! Vor dem Eingang packen die Händler des modernen Antiquariats ihre Ware aus, prallvolle Kisten, ein Schild: Alle Bücher für zwei Euro! Die ersten Besucher wühlen schon.
„Vorsicht, Buch!“, begrüßen zwei lächelnde junge Frauen die Besucher. Der gelb-schwarz in Szene gesetzte Slogan des Börsenvereins: Wo passte er besser als am Eingang zu dieser verrückten Bücherwelt? Ich frage und darf fotografieren, B-Ebene, Skyline Plaza, Hammering Man, Bücher-Warnung. Es wird noch einiges dazukommen.  
Hinter dem Durchlass innehalten, sortieren: Jacke aus, Plan raus. Wo will ich hin, und wo muss ich hin? Die neuen Visitenkarten griffbereit – und, ach!, die Lesebrille, die mal wieder daran erinnert, dass ich nicht mehr zu den jungen Besuchern gehöre. Ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre (oder sollte ich ehrlich sagen: Jahrzehnte) es her ist, seit ich zum ersten Mal auf der Messe war. Als sehr junge Leserin, später als unerfahrene Autorin, die hoffte, einen Verlag für ihr Manuskript zu finden, und noch viel später als Autorin, die „es geschafft hatte“, und das auch noch mit einem Hardcover-Schmöker bei Ullstein! Ich muss lächeln bei der Erinnerung. Das war wohl das einzige Jahr, in dem ich nur als Autorin auf der Messe war, und der Leserin nicht mal ein halbes Stündchen gönnte fürs Stöbern nach neuem Lesestoff.

Tja, und dieses Jahr bin ich als multiple Persönlichkeit eingelaufen: wie gewohnt als neugierige Leserin, dazu als Autorin, die sich auf persönliche Begegnungen mit ihren Lesern freut, außerdem als Kriminalbeamtin auf der Suche nach Fachliteratur, und last not least als Verlegerin mit diversen Terminen. Die Messe ist eine gute Gelegenheit, Geschäftspartner, mit denen man bislang nur per Telefon oder eMail kommuniziert hat, persönlich kennenzulernen. Und dann gibt es solche Zufälle, die nur an solch einem bücherverrückten Platz geschehen können …  Mein „Nachfolger“ im Terminkalender bei KNV (Barsortimenter und Partner für den Druck meiner Bücher aus dem Thoni Verlag) ist ein Mönch aus der Abtei Münsterschwarzach. Ob ich die Abtei kenne? „Aber sicher!“, sage ich lächelnd. Immerhin habe ich die Erlaubnis, den berühmten Cellerar der Abtei, Pater Anselm Grün, in meinem Roman „Der Garten der alten Dame“ zitieren zu dürfen. Ein kurzes, herzliches Gespräch, für das ich mich selbstverständlich mit einem signierten Buch bedanke.
Nächster Termin in der gleichen Halle, nur einige Schritte entfernt, beim Börsenverein. Ich nutze die verbleibende Zeit, um meine ersten Eindrücke zu notieren, melde mich an. Und dann: Rollenwechsel. Eben noch gewöhnliche Messebesucherin, jetzt, nur zwei Tische weiter, versorgt mit Keksen und Getränk die Verlegerin, die auf ihre Gesprächspartnerin wartet. Diesmal geht es um die Distribution meiner eBooks in den Buchhandel. Wir reden lange, und schließlich wechseln wir von „e“ nach „p“, diskutieren über das Vergnügen, gut gesetzte Bücher zu machen und zu lesen, über den Umgang mit Sprache, und die getaktete Zeit gerät aus dem Ruder. Wir lachen beide, als wir merken, dass die halbe Stunde eines gewöhnlichen Geschäftstermins längst vorüber ist. Wir kehren zum Büchermachen zurück, und einmal mehr wird mir klar, dass ich das mittlerweile genauso liebe wie das Bücherschreiben.
Danach macht die Verlegerin erst mal Pause; die Leserin hat am Morgen schon nach Halle 3 geschielt, jetzt darf sie hin: ins Reich der gedruckten Fantasie. Ja, auch in Halle 4 ist die Fiktion zu Hause, aber "die Drei" ist und bleibt für mich das Messe-Synonym für belletristisches Schreiben. Leider nicht nur für mich. Unglaublich, wie viele Menschen sich inzwischen durch die morgens noch angenehm luftigen Hallen schieben, wer stehen bleibt, stört den Fluss. Ich beschließe, meine Leserseele in Halle 4.1 zu befriedigen. Der Weg dorthin endet erst mal an der Rolltreppe; zahllose Sicherheitsleute in knallgelben Jacken versuchen die Massen zu lenken.
„Bitte immer zu zweit auf eine Stufe!“ – „Bitte einen größeren Bogen gehen!“ Sie tun ihre Arbeit freundlich und dezent, trotzdem: Das Gefühl eines Herdenauftriebs bleibt.
Auch in Halle 4 herrscht Gedränge, aber es ist nicht ganz so voll. Es bleibt Platz fürs Verweilen – und die Erinnerungen sind wieder da: Diese engen Nischenstände, in denen man schon Platzangst kriegt, wenn sich mehr als zwei Leute darin unterhalten, in denen es weder Kaffeeautomaten noch Konferenzgebäck gibt, nur: Bücher. Ich denke an den verstorbenen Verleger Theo Czernik, an seinen kleinen Stand, die schönen Lyrikbände, die er herausgab, an die unvergesslichen Gespräche, die wir führten. Langsam gehe ich von Stand zu Stand, bewunderte fantasievoll dekorierte Bücherregale, schaue einem "alten Drucker" zu, um dessen historische Druckerpresse sich Kinder mit leuchtenden Augen scharen, und dann, ich glaube es kaum, begegnet mir Rudi! Oder sollte ich sagen Luigi? Keine Ahnung, warum ich auf die Idee kam, eine "lustige Lok" in den "Garten der alten Dame" einzubauen, aber offenbar ist hier noch jemand der Meinung, dass kleine Eisenbahnen gut in Bücherwelten passen. Nach der nächsten Standreihe nimmt die Leserin und jetzt auch wieder: Autorin Abschied, und schon wenig später stöbert die Kriminalkommissarin nach Fachliteratur. Passend für beide der vorletzte Termin, ein kleiner Krimiverlag, den Verleger kenne ich aus dem Polizeibetrieb, und wissenschaftliche Bücher verlegt er auch. Da haben zwei Verrückte mehr als eine Stunde genügend Stoff zum Debattieren.
Den Abschluss sollte eigentlich ein Lesertreffen bilden, aber per SMS kommt die Info, es klappe leider nicht. Ich ziehe mich in eine Ecke im ARD-Forum zurück, im Hintergrund tönt eine Einspielung des neuen Polizeirufs 110. Die laute Stimme der Moderatorin fügt sich an, die über den Film spricht. Ich schaue mich um und grinse: Selbst im Tempel der bewegten Bilder hat das Buch die Macht. Links und rechts von mir sitzen sie, lesend. Jung und alt. Vorsicht, Buch! Herrlich.
Ich versuche noch einmal mein Glück in Halle 3.1 – zwecklos. Nicht jammern, jubeln! Ein solches Gedränge an einem Ort, wo in der Hauptsache auf Papier gedruckte, uncoole und un-enriched langweilige Buchstaben ausgestellt sind: Gibt es eine größere Liebeserklärung an das "altmodische" Medium Buch?  
Nichtsdestotrotz: Der Rücken schmerzt, die Füße mosern; ich beschließe, den Messebesuch „drinnen“ abzuschließen. Als ich nach draußen komme, Enttäuschung: Es regnet, und die Stände der Antiquitätenhändler sind größtenteils immer noch – oder schon wieder – abgedeckt. Schade. Was habe ich hier schon Bücherschätzchen aus dem alten Frankfurt gefunden! Ich spanne den Regenschirm auf, wiederhole den Weg von heute Morgen … Jetzt ist das Skyline Plaza aufgewacht, lebt, pulsiert.
Ende August hat Osiander im ersten Stock eine Buchhandlung eröffnet. Eigentlich mag ich Buchhandlungen in Shoppingmalls nicht sonderlich, der Bücherduft verliert sich zumeist zwischen zu viel Glas und Style. Bücher seit 1596, das klingt sympathisch. Und was ich sehe, gefällt mir: weit geöffnete Türen, durch die die Bücher bis auf den Gang herauszukommen scheinen. Drinnen zahlreiche Kunden, die stöbern, blättern, probelesen. Und die Messe ist auch hier: Autoren signieren ihre Bücher. Am Eingang sitzt Jochen Rausch, spricht mit einer Mitarbeiterin. Ein Blick zur Uhr: Seine Signierstunde hat gerade erst begonnen, noch ist niemand gekommen – ich spüre plötzlich das Gefühl, das ich bei meiner ersten Signierstunde hatte: Neben mir ein Stapel Romane, vor mir ein Stift und der Gedanke: O Gott! Und wenn jetzt niemand kommt? Es kam mehr als jemand, und ich bin sicher, hier wird es auch nicht mehr lange dauern.

Ich gehe die Regalreihen entlang, die Leserin kann das Stöbern nicht lassen, schon habe ich ein Buch in der Hand. Und die Autorin kann`s auch nicht lassen und freut sich, „Die Detektivin“ im Regal zu entdecken. Aber deshalb bin ich nicht hier. Es geht um eBooks, es geht um Leseexemplare für den Buchhandel, denn in den Buchhandel möchte ich nicht nur mit meinen historischen Romanen, sondern auch mit dem neuen Programm aus dem Thoni Verlag. Dass sich hier für Leser Zeit genommen wird, habe ich schon während meines Streifzuges gemerkt – und Zeit hat man auch für ein Gespräch mit der Verlegerin. Lächelnd signiert die Autorin ihr Buch aus dem Regal, und die Leserin stellt sich an der Kasse an und verlässt kurz darauf zufrieden den Laden. Mit einem neuen Buch in der Hand. 
Die letzte Station auf meiner „Messereise“ führt mich zurück in die Unterwelt der B-Ebene im Bahnhof, und auch hier werden Erinnerungen wach. Es ist der Geruch nach abgestandener Luft, der mich mehr als fünfundzwanzig Jahre zurückführt … einen Moment lang bin ich wieder die junge Polizistin, eingesetzt zur Drogenbekämpfung im Bahnhofsviertel. Keine gute Erinnerung. Weg mit den alten Kamellen, die Leserin und die Autorin freuen sich! Schließlich ist mein Ziel eine Buchhandlung. Der Kontrast zum noblen Skyline Plaza könnte nicht größer sein, und objektiv betrachtet gibt`s nicht viel Schönes zu sehen: Ein Laden, in dem es billige Bücher gibt. Auf den ersten Blick. Der zweite irritiert. Eine Schaufensterdekoration wie in einer ganz normalen Buchhandlung; nirgends gestapelte Ramschkisten und lieblos hingeworfene Cent-Ware. Stattdessen nach Themen sortierte Regale, und selbst die obligatorischen Bücherwannen in der Mitte des Raums sehen irgendwie … mit Liebe gestaltet aus. Genau das ist es, was mich auf diesen Laden aufmerksam werden ließ: dass er von begeisterten Büchermenschen geführt wird, und die Chefin Mandy werde ich gleich persönlich kennenlernen, nachdem wir uns bislang nur virtuell begegnet sind. Sie steht an der Kasse, davor eine Reihe Kunden, Mandy und ich begrüßen uns kurz; sie kümmert sich weiter um die Kunden, und ich bestaune DAS Regal: „Unsere deutschen Autoren“. Hat für Irritationen bei einigen Gutmenschen geführt, aber liebevoll ist es gemacht und gemeint.  Spätestens seit dieser Aktion ist der Laden Kult nicht nur bei Lesern, sondern auch bei Schriftstellern, und Mandy stellt sie der Reihe nach auf ihrer ebenfalls mit viel Bücherliebe gestalteten Facebookseite vor, die bekannten wie die unbekannten, nebeneinander, nacheinander, unterschiedslos.

Bevor wir uns endlich in Wirklichkeit und nicht nur virtuell umarmen und begrüßen können, vergeht eine Weile, in der ich Zeit habe zum Stöbern. Und ich sehe, was ich längst weiß: Nicht der Laden, sondern Mandy ist Kult, weil sie diesem versteckten Bücherland hier unten ein Gesicht und eine Seele gibt. Ich muss grinsen, als sie geduldig lächelnd einer Kundin den Weg zur Konkurrenz beschreibt, wo sie sicher das gesuchte Buch von Alice Munro ("Die mit dem Literaturnobelpreis, Sie wissen schon?") finde. Endlich haben wir Zeit füreinander, es wird mein längster Termin heute – ach was, Termin! Ein wunderbares Gespräch über Bücher, nur unterbrochen vom Dienst am Kunden.

„Auch Leute, denen das Geld fehlt für neue Bücher, haben das Recht auf eine gut sortierte Buchhandlung und vernünftige Beratung!“, sagt Mandy bestimmt. Und dass es durchaus möglich sei, in einem "Gebrauchtbuchladen" auch Neuausgaben zu verkaufen. Leider sehen das nicht alle so. Ihre Zeit hier wird nach gut sieben Jahren zu Ende sein. Das Weihnachtsgeschäft noch, dann heißt es langsam Abschied nehmen. Auch wenn es den Laden weiterhin geben wird: seiner Seele wurde gekündigt. Keiner versteht es, die Kunden nicht, die Autoren nicht, Mandy nicht. Sie findet sich ab. Ihren Humor und ihre Bücherliebe kann ohnehin niemand kündigen.
Zum Abschied schießt ihr Mann ein Foto von uns vor dem „Autorenregal“. Es ist mein letztes Messefoto. Die nächsten Kunden wollen bezahlen. Umarmung, au revoir – ich stelle mich hinten an und verlasse den Laden mit einem neuen Buch. Die Leserin in mir kann einfach nicht anders.
PS: Die Bildergalerie zum Bericht folgt in Kürze …

Meine erwähnten Bücher:
Die Detektivin
Der Garten der alten Dame 

Die erwähnten Buchhandlungen:
Mandy bei Facebook
Osiander in Frankfurt 


Update, 15.10.2013
... Und hier sind die Bilder.